Zukunftswerkstatt

Die ZUKUNFTSWERKSTATT- Jugendmedienschutz vom Kind aus gedacht!

Finger mit Strichmännchen und Sprechblasen
© Adobe Stock / alphaspirit

„Gesellschaft findet in einer zunehmend digitalen und vernetzten Welt statt. Insbesondere die Lebensrealitäten von Kindern und Jugendlichen sind durch die Bedingungen, die die Digitalisierung vorgibt, geprägt. Spätestens der Einzug des Web 2.0 führte zu einem Paradigmenwechsel und nicht zuletzt zu einer neuen Qualität von Risiken für ein gutes Aufwachsen mit Medien.
Phänomene wie Cybermobbing, Grooming und Hate-Speech, aber auch Big Data, digitale Informationskanäle und Social Media sowie die zukünftige Entwicklung virtueller Realitäten sind der Maßstab für die aktuellen, insbesondere aber auch zukünftigen Anforderungen an einen wirkungsvollen Jugendmedienschutz.
Die besonderen Anforderungen liegen dabei im Spannungsfeld zwischen Schutz von Kindern und Jugendlichen durch Abschirmen vor diesen Risiken und der Ermöglichung von Teilhabe durch Befähigung.
Jugendmedienschutz in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft kann Kindern und Jugendlichen keine abschließende Sicherheit geben. Jugendmedienschutz kann jedoch gleichwohl verantwortungsvoll und damit zukunftsfähig gestaltet werden, indem eine zielgruppenorientierte Gesamtstrategie zugrunde gelegt wird, die entsprechend der Vielschichtigkeit der Risiken und Gefährdungslagen ein ebenso vielschichtiges intelligentes Risikomanagement garantiert. Dies erfordert die Bündelung bewährter, wie auch neu zu entwickelnder Lösungsansätze, die notwendigerweise regulatorische, technische und pädagogische Instrumente vorsehen. Dies wiederum kann nur unter Berücksichtigung der jeweiligen Zuständigkeit durch eine konzertierte Aktion aller relevanten Akteure gewährleistet werden.“

Diese Analyse steht der am 18. Juli 2017 zwischen dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) geschlossenen Zielvereinbarung voran.
Die Herausforderungen der Digitalisierung an den Kinder- und Jugendmedienschutz fordern ein neues Verständnis sowohl von Gefährdungen als auch von der Verwirklichung der Rechte von Kindern und Jugendlichen auf Schutz, Teilhabe und Förderung beim Aufwachsen mit digitalen Medien.
Zur Weiterentwicklung des Kinder- und Jugendmedienschutzes sieht die Zielvereinbarung deshalb die Koordination eines kinder- und jugendpolitischen Strategieprozesses mit den Akteuren des Kinder- und Jugendmedienschutzes durch die BPjM vor.

Ziel ist die permanente Weiterentwicklung des Kinder- und Jugendmedienschutzes im Sinne eines intelligenten Chancen- und Risikomanagements. Der hierbei verfolgte diskursive und auf Dauerhaftigkeit angelegte Ansatz folgt einer vorausgegangen politischen Beschlusslage und Entwicklung.

Die programmatische Entwicklung ist im Beitrag „Zukunftswerkstatt zur Weiterentwicklung des Jugendmedienschutzes bei der BPjM“ in der Ausgabe KJug, 63. Jg., S. 45-49 (02/2018) ausführlich dargestellt. Weitere Informationen unter https://www.bag-jugendschutz.de/.

 

Der Strategieprozess ist als ZUKUNFTSWERKSTATT konzipiert.
Die ZUKUNFTSWERKSTATT ist dem Leitgedanken verpflichtet, dass ein zukunftsfähiger Kinder- und Jugendmedienschutz vom Kind aus gedacht werden muss und nicht vom Medium, bzw. dessen Verbreitungsweg aus.
Die in eigener Zuständigkeit gestaltete ZUKUNFTSWERKSTATT richtet die BPjM deshalb an den in der VN-Kinderrechtskonvention festgeschriebenen Rechten von Kindern auf Schutz, Befähigung und Teilhabe aus. Schutz, Befähigung und Teilhabe bestimmen ganz selbstverständlich auch die Rechte von Kindern im digitalen Raum.
Der Dreiklang aus Schutz, Befähigung und Teilhabe entsteht keineswegs aus isoliert zu betrachtenden Rechten, vielmehr stehen diese in ausgeprägter Wechselwirkung.
Deshalb kommt es in der ZUKUNFTSWERKSTATT darauf an, die verschiedenen Perspektiven, die für ein gutes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen mit Medien besonders relevant sind, zusammenzuführen und miteinander zu vernetzen. Dies betrifft insbesondere Jugendschutz und Jugendhilfe, aber genauso Medienaufsicht, Anbieter, die vielfältige medienpädagogische Praxis, Wissenschaft sowie Kinder, Jugendliche und ihre Eltern.

In unterschiedlichen Formaten und an der jeweils benötigten fachlichen Expertise ausgerichtet werden die Beteiligten der Verantwortungsgemeinschaft für ein gutes Aufwachsen mit Medien zusammengebracht, um gemeinsam die Kinderrechte auf Schutz, Befähigung und Teilhabe in Bezug auf digitale Mediennutzung zu verwirklichen.

Die Flexibilität der Formate ermöglicht eine zielgenaue und bedarfsgerechte Aufarbeitung der jeweiligen Fragestellungen.

Der Prozess ist in drei Phasen strukturiert:

  • Die Gefährdungserhebung
  • Die Gefährdungsanalyse
  • Die Gefährdungsbegegnung

Der Dynamik der Digitalisierung und damit einhergehend den Anforderungen an den Jugendmedienschutz entsprechend, können diese Phasen nicht isoliert betrachtet und abgeschlossen werden. Vielmehr greifen diese ineinander und sind kontinuierlich zu bearbeiten und zu aktualisieren.

In dem von der Jugend- und Familienministerkonferenz (JFMK) im Mai 2018 beschlossenen Bund-Länder-Eckpunktepapier „Kinder- und Jugendpolitik als Aufgabe der Jugendpolitik“ heißt es:

"Damit der Kinder- und Jugendmedienschutz in einem schnell veränderlichen digitalen Umfeld effektiv auf der Höhe der Zeit gewährleistet werden kann, müssen gleichzeitig künftige Phänomene antizipiert und in den Blick genommen werden. Im Rahmen des durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) koordinierten jugendpolitischen Strategieprozesses werden Bund und Länder einen Gefährdungsatlas im Hinblick auf ein gutes Aufwachsen mit Medien erarbeiten. In den Gefährdungsatlas eingebunden werden sollen die Erfahrungen und Erkenntnisse des Gefahrenmonitorings von jugendschutz.net, der Jugendhilfe, der medienpädagogischen Praxis, der Forschung und die Perspektive der Kinder und Jugendlichen selbst."

Der in der Autorenschaft des JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis in Zusammenarbeit mit dem Leibniz-Institut für Medienforschung │Hans-Bredow-Institut (HBI) entstandene Gefährdungsatlas ist erstes im Rahmen der ZUKUNFTSWERKSTATT erarbeitetes Ergebnis, wie auch die erforderliche Wissensbasis für den weiteren Arbeitsprozess.

Dem Anspruch folgend vom Kind aus zu denken, wird die Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen im Kontext der Mediennutzung sowie ihr Mediennutzungsverhalten vorangestellt. Deutlich werden die Mediatisierung und Digitalisierung aller Lebensbereiche von Kindern und Jugendlichen sowie die hierdurch beförderte Kommerzialisierung ihrer Lebenswelt. Erkenntnisse über das Mediennutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen werden entlang einer Alterskohortierung (2- bis 6-Jährige, 6- bis 13-Jährige und ca. 12- bis 18-/19-Jährige) nach Medientätigkeiten strukturiert dargestellt sowie in erzieherische Kontexte gesetzt.

Die zum Ausdruck kommende Vielfalt und Allgegenwart von Mediennutzung, insbesondere hinsichtlich Interaktion und Kommunikation, verdeutlicht die Notwendigkeit der Neuausrichtung der Erfüllung des staatlichen Schutzauftrags in Bezug auf den Kinder- und Jugendmedienschutz hin zur Ermöglichung einer unbeschwerten Teilhabe.

Der Gefährdungsatlas enthält einen Überblick über 35 Medienphänomene, die mit Gefährdungen für eine unbeschwerte Teilhabe verbunden sind:

Algorithmische Empfehlungssysteme von Online-InhaltenKontakt- und Dating-Apps
Bewerbung und Verbreitung gesundheitsgefährdender Substanzen am Beispiel Lega-HighsKostenfallen
CybergroomingOnline-Werbung und Werbeverstöße
Cybermobbing (auch Cyberbullying)Pornografie und Posendarstellungen
CybersexPro-Ana / Pro-Mia-Foren
CyberstalkingProfilbildung und -auswertung
Extremistische InhaltePropaganda (inkl. Fake News)
Exzessive SelbstdarstellungRemix- und Sharing-Kultur (Urheberrechtsverletzungen)
Fake-Profile bzw. Fake-AccountsSelbstverletzendes Verhalten
Fear of missing outSelf-Tracking
Gesundheitsgefährdende ChallengesSexting
Gewalthaltige Computer- / Konsolenspiele und Spiele-AppsSmart Speaker und vernetztes Spielzeug
Hate SpeechSuizidforen
Identitätsdiebstahl / "gehackt werden"Streaming / non-linearer Zugang zu Bewegtbildern und Audiodateien
Immersives Erleben durch Virtual RealityTasteless-Angebote
InfluencerÜberzeichnete Geschlechterrollen
Internetsucht und exzessive NutzungViren und Schadprogramme
Kettenbriefe

Im Rahmen der Darstellung von Fokuspunkten der Fachdiskussion und den Berührungspunkten von Kindern und Jugendlichen mit den Phänomenen werden neben den Gefährdungen auch fördernde Funktionen für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen in den Blick genommen, die teilweise ebenfalls mit den Phänomenen assoziiert sind und gerade den kinderrechtlichen Teilhabeanspruch an der digitalen Mediennutzung begründen. Auch die verschiedenen Rollen, in denen Kinder und Jugendliche mit den Medienphänomenen in Berührung kommen können, werden ausgeleuchtet.

Im Rahmen einer abschließenden kinderrechtlichen Einordnung wird deutlich, dass der Kinder- und Jugendmedienschutz einer Neuausrichtung seiner Schutzziele und Instrumente bedarf, um über infrastrukturelle Schutz- und Hilfemechanismen in den Angeboten und Orientierung für Kinder, Jugendliche und Erziehende eine unbeschwerte Teilhabe an digitalen Medien zu gewährleisten. Die Anbieter sind gefordert, ihre Angebote infrastrukturell so auszugestalten, dass Voreinstellungen sowie Schutz- und Hilfemechanismen altersgerecht auch die jüngeren Nutzerinnen und Nutzer effektiv vor Gefährdungen schützen und die unbeschwerte Teilhabe ermöglichen.

Mit der Auftaktveranstaltung im Herbst 2018 und der nachfolgenden Erarbeitung des Gefährdungsatlas wurde ein erster Aufschlag zur Gefährdungserhebung erarbeitet.

Anknüpfend an die im Gefährdungsatlas beschriebenen Medienphänomene und die damit einhergehenden vielfältigen Integritätsgefährdungen für Kinder und Jugendliche bildeten im Jahr 2019 - entlang der fachlichen und jugendpolitischen Relevanz - die folgenden Themenschwerpunkte den weiteren Bearbeitungsrahmen:

  • Unbeschwerte Teilhabe an digitaler Kommunikation
  • Sexuelle Selbstbestimmung im digitalen Wandel
  • Identität und Datensouveränität angesichts der Digitalisierung

Alle drei Themen wurden und werden dabei im Spannungsverhältnis der Teilhaberechte von Kindern und Jugendlichen versus den Gefährdungen der Integrität im Internet bearbeitet.

In drei ExpertInnen-Workshops wurden hinsichtlich der jeweiligen Schwerpunktthemen folgende Fragestellungen bearbeitet:

  • Sozialethische Grundlagen: Welche Erziehungs- und Sozialisationsziele bestehen hinsichtlich des jeweiligen Themenschwerpunktes?
  • Praxis-Check Gefährdungsanalyse: Welche im Gefährdungsatlas dargestellten Medienphänomene und Gefährdungen bedürfen prioritär einer Vertiefung bzw. Berücksichtigung im weiteren Analyseprozess?
  • Schutz- und Unterstützungsmaßnahmen sowie -konzepte: Welche Lücken und Verbesserungsbedarfe bestehen in vorhandenen Konzepten sowie bei praktizierten Maßnahmen und welche Visionen für neue Ansätze gibt es?

Die bisherigen Ergebnisse sowie der weitere Prozessverlauf werden in der ersten Hälfte des Jahres 2020 vorgestellt.

Zur Kommunikation der Arbeitsergebnisse und Diskurse dienen neben dem Gefährdungsatlas die Netzpräsenz der BPjM, die behördeneigene Fachzeitschrift BPJMAKTUELL sowie weitere Fachveröffentlichungen. Eine Vernetzung findet auch über Vortrags- und Veranstaltungsanfragen statt, bei denen Erkenntnisse aus den Prozessen themenbezogen weitergegeben werden, um auch hierüber Synergien zu schaffen.

Fragen und Anregungen zur ZUKUNFTSWERKSTATT können über zukunftswerkstatt@bpjm.bund.de erfolgen.

Für die Weiterentwicklung und Gestaltung von Politikfeldern bedarf es stets der Definition von Schutzgütern, die der Bezugspunkt für die mit dem konkreten Politikfeld verfolgten zielorientierten Anliegen sind. Die „Digitalisierung aller Lebensbereiche” führt dazu, dass sich die Bedingungen der Digitalisierung als Querschnittsthema aller Politikfelder verstetigt hat. Der Alltag von Kindern und Jugendlichen lässt sich nicht mehr länger in »online« und »offline« aufteilen, so dass auch für die Weiterentwicklung des Kinder- und Jugendmedienschutzes die Schutzgüter im Lichte der durch die Digitalisierung geänderten Bedingungen für ein gutes Aufwachsen mit Medien auszulegen und anzupassen sind.  Zur bestmöglichen juristischen Erfassung und Einordnung der Schutzgüter und der daraus abzuleitenden Gefährdungslage erfolgt eine Zusammenstellung und Analyse des völkerrechtlichen, supranationalen, europäischen und nationalen Rechtsrahmens. Handlungsleitendes Prinzip ist dabei die Wahrung der „Best interests of the child“ in der Rechtsauslegung und Rechtsanwendung. Die BPjM organisiert hierzu einen juristischen Fachaustausch, dessen Ergebnisse sowohl in die ZUKUNFTSWERKSTATT, den Gefährdungsatlas sowie in die Spruchpraxis der BPjM einfließen.