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Titelbild der Rubrik: Jugendmedienschutz: Medienerziehung

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"Porno- oder Gangsta-Rap": Was können Eltern tun?

Hip-Hop zwischen Indizierung und Lifestyle
Lässt sich das jugendliche Bedürfnis nach Hip-Hop erzieherisch und inhaltlich steuern? Zwischen "Gangsta- oder Porno-Rap" und anspruchsvoller Wortakrobatik gibt es hunderte von teils nur lokalen Subszenen. Doch wie ist zwischen den verschiedenen Formen zu unterscheiden? Warum dürfen alle andern, nur ich nicht? Diese und ähnliche Fragen kennen Eltern bei vielen Kinderwünschen, Mode und Konsumartikeln. Abgesehen davon, dass Behauptungen in ihrer Eindeutigkeit ("alle") in der Regel nicht stimmen, scheiden bei Musik aber viele Gründe wie z.B. das Geldargument oder Kosten-Nutzen-Relationen aus. Hier treffen Generationen- und Werte-Konflikte zusammen. Diskussionen finden auf unterschiedlichen Ebenen statt: Während Eltern moralisch argumentieren, sprechen Jugendliche aus der Sicht einer Jugendkultur mit eigenen Regeln und eigenständiger Sprache. So versteht häufig einer den anderen nicht, Diskussionen scheinen nicht möglich und enden im Streit.

Dennoch sind es die ständig wiederkehrenden Erziehungsfragen:

  • Was will mein Kind?
  • Warum will es etwas?
  • Und worin kann eine Lösung bestehen, wenn Eltern und Kind unterschiedlicher Meinung sind?

Was? Mein Kind will Hip-Hop hören. Um eine vernünftige Antwort zu finden, muss man differenzieren. Gegen jugendspezifische Musik, hier Hip-Hop ist nichts einzuwenden. Gegen indizierte jugendgefährdende Hip-Hop-Stücke dagegen sehr viel. Der deutsche Rap dominiert die Charts, aber Hip-Hop ist nicht gleich Hip-Hop.

Nachdem "Die fantastischen Vier" 1992 mit "Die Da!?!" das Startsignal gegeben haben, ist die Szene heute so vielfältig wie nie zuvor. Und dabei ist es den Wortartisten gelungen, die unharmonische deutsche Sprache so geschickt und witzig zu kombinieren, dass die Wortmelodien der deutschen Rapper den amerikanischen oder französischen Texten in nichts nachstehen.

Warum? Weil Hip-Hop eine Massenmode ist, die viele Jugendliche erfasst. Die derzeit größte Medienpräsenz haben Berliner Gruppen, die sich relativ kritiklos vieler Klischees bedienen, die im amerikanischen Hip-Hop vorgelebt werden – mit viel nackter Haut und einem frauenverachtenden Vokabular. Wenn diese Rapper aus Berlin dann von Jugendsendern und Printmedien crossmedial beworben werden, stellt die Medienwelt die Realität auf den Kopf. Die flächendeckend überall in Deutschland vorhandene kreative und vielfältige Hip-Hop-Szene wird nicht mehr wahrgenommen, eine verschwindende Minderheit bestimmt das negative Urteil über eine viel reichere Jugendkultur.

Die meisten Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kindern drehen sich darum. Um "in" zu sein, glauben die Jugendlichen diese Gruppen aus den Jugendsendern hören und deren Veranstaltungen besuchen zu müssen.

Erziehung heißt: Auseinandersetzung über die Konventionen der Erwachsenenwelt. Erziehung heißt: Grenzen setzen. Und das fällt schwer, wenn Persönlichkeitsentwicklung oft als Selbstverwirklichung verstanden wird. Es ist die Aufgabe aller Eltern, diese Auseinandersetzung mit ihren Kindern zu führen. Nur so finden sie den sicheren Weg in die Welt, in das Erwachsensein.
Und worin kann eine Lösung bestehen?

Muss ich meinem Kind Hip-Hop-Musik verbieten?
Nein! Die Hip-Hop-, Techno- und Skaterbewegung ist eine der größten Szenen in Deutschland und eine kreative, multikulturelle und integrative Jugendkultur. Schätzungsweise gibt es weit über drei Millionen an Hip-Hop interessierte Jugendliche in Deutschland. Die Zahl der in einer der vier Sparten aktiven Jugendlichen dürfte zwar mit mehreren hunderttausend wesentlich geringer sein, doch die große Zahl der reinen "Fans" erklärt sich nicht zuletzt durch den Boom den Hip-Hop in Deutschland seit Mitte der 90er Jahre erlebt.[1]

Hip-Hop ist mehr als Rap-Musik. "Hip-Hop spiegelt für viele Szenegänger ein ganzheitliches Lebensgefühl wider. Man hört nicht auf Hip-Hop zu sein, wenn man zur Schule oder zur Arbeit geht. Hip-Hop gehört zur eigenen Identität und kann nicht einfach 'abgeschaltet' werden. Durch das Tragen von szenespezifischer Kleidung und szenespezifischen Symbolen geben sich Szenemitglieder als Hip-Hop zu erkennen und grenzen sich von anderen Jugendlichen ab."[2]

Zudem hat Musik insbesondere für Jugendliche neben dem aktiven Musizieren eine wichtige Funktion des Mood managing, der Unterstützung der eigenen Gefühle durch Musik. "Untersuchungen zeigten, dass Menschen für verschiedene Stimmungen sehr unterschiedliche musikalische Bewältigungsstrategien entwickeln (...)"[3].

"Musik hören" ist unverändert – nach der 15. Shell-Jugendstudie 2006 die häufigste Freizeitbeschäftigung von Jugendlichen; "sich mit Leuten treffen" steht an dritter, "Discos, Partys, Feten" an fünfter Stelle.[4]

Ein Verbot für ein Kind, in einem Spektrum vieler Musikvorlieben bestimmte Hip-Hop-Musikstücke zu hören, mag relativ leicht durchsetzbar sein. Für die Mehrzahl der Jugendlichen sind aber mit der Vorliebe für Hip-Hop-Musik auch der Freundeskreis, ihr Freizeitverhalten sowie Kleidung und Accessoires verbunden. Daraus wird deutlich, dass wie immer im Erziehungsprozess viele sensible Aspekte gleichzeitig zu beachten sind und man behutsam vorgehen muss. Letztlich sind nur die Eltern in der Lage, die für ihr Kind passenden Entscheidungen zwischen Verständnis und Vertrauen zu treffen, aber auch Grenzen zu setzen.[5]

Dies setzt allerdings ihre Bereitschaft voraus, sich mit den Fassetten des Hip-Hop auseinander zu setzen, nicht nur mit den meistvermarkteten und teilweise jugendgefährdenden Formen, sondern auch mit den weniger bekannten, die Jugendlichen positive Impulse für ihre Entwicklung geben können. Die Frage müsste daher nicht lauten: Hip-Hop, Ja oder Nein, sondern eher: Welche Formen von Hip-Hop für Kinder und Jugendliche geeignet sind.

Eltern -  Schule - Freundeskreis - Medien
Diese vier Sozialisationsinstanzen sind in Einklang zu bringen
Welche Musik Jugendliche hören, bleibt heute Erwachsenen oft verborgen, weil MP3-Player und Kopfhörer kein Mithören ermöglichen. Damit scheiden gleich zwei wesentliche Erziehungsmittel aus: Miteinander sprechen und sich auseinandersetzen ist für die Entwicklung eines Kindes mindestens so bedeutsam, wie die Chance Wissen zu erwerben! Weil Eltern immer weniger von der Musik ihrer Kinder hören, ist die Auseinandersetzung über Geschmack und viel bedeutender über Inhalte vermeintlich nicht mehr nötig und findet nicht mehr statt.

Erziehung ist jedoch Werteerziehung. Und sie setzt voraus, dass Eltern überhaupt wissen, in welchem Freundeskreis sich Kinder und Jugendliche bewegen, was sie beschäftigt, welche Medien ihre Kinder nutzen, welche Musik sie hören und mit welchen Inhalten sie sich beschäftigen. Das Gespräch darüber muss also heute bewusst wieder gesucht werden. Warum kann Gewaltverherrlichung, Sexismus, Rassismus nicht als Bestandteil von Unterhaltung geduldet werden? Wie sieht es aus, wenn man sich in die Rolle der Opfer versetzt? Welche unveräußerlichen Werte werden verletzt?

  • Machen Sie Ihrem Kind klar, warum Zusammenleben einen Konsens über gemeinsame Werte verlangt.
  • Bringen Sie ihrem Kind die dahinter stehenden ethisch-moralischen Grundsätze näher.
  • Akzeptieren Sie als Eltern die Rolle der „Bösen“ nicht. Nehmen Sie es nicht hin, auch wenn es den Tatsachen entspricht, fast die einzigen zu sein, die mit Ihrem Kind diese notwendige Auseinandersetzung suchen.
  • Nehmen sie Kontakt zu den Eltern der Freundinnen und Freunde ihrer Kinder auf.
  • Holen sie sich Unterstützung bei Personen, die guten Kontakt und Einblick in die Szene haben, in der sich ihr Kind bewegt: bei Schulsozialarbeitern, Fachleuten und Sozialarbeitern der Gemeinde und der Abteilung Polizeiprävention, bei Lehrerinnen und Lehrern, bei Einrichtungen, in denen sich ihre Kinder aufhalten.
  • Zeigen Sie Ihrem Kind Alternativen auf, wie es zu Anerkennung im Freundeskreis kommen kann.

Kann ich meiner/m 13-jährigen Tochter/Sohn den Besuch eines Hip-Hop-Konzerts erlauben, auf dem Künstler auftreten, von denen es auch indizierte CDs gibt?
Auch für Konzerte gibt es Altersgrenzen. Wenn Minderjährige Zugang zu Konzerten haben, dürfen keine indizierten Lieder gespielt werden. Ungeachtet dieser rechtlichen Vorgaben, sind letztlich nur die Eltern in der Lage, die Entscheidung zwischen Verständnis und Vertrauen sowie Grenzen und Verboten zu treffen. Dass es sich um ein besonderes Ereignis handelt, begründet sich schon darin, dass die Eltern 13-jährige Kinder entweder begleiten oder schriftlich der Begleitung durch eine andere Person zustimmen müssen; abgesehen von den Kosten und der oft nicht unerheblichen Strecke der Hin- und Rückfahrt zum Konzertort.

Wie kommt mein Kind aus der "Hip-Hop-Szene" heraus?
Vielleicht ist die Frage zu einfach gestellt. Sie könnte lauten: Wie kommt mein Kind aus der Nische des gewalthaltigen frauenverachtenden Hip-Hop zu einer kreativen förderlichen Freizeitgestaltung mit Hip-Hop oder anderer Musik?

Aufgabe der Kinder und Jugendlichen ist es, sich die von Medien geprägte Welt anzueignen, um als Erwachsene souverän, zufrieden und verantwortungsvoll ihre Rolle in der Gesellschaft einnehmen zu können. Musikhören und Musikmachen ist eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen. Aus den Anfängen in den USA hat sich eine globale Hip-Hop-Kultur entwickelt.

Eltern haben natürlich die Aufgabe ihre Kinder zu schützen und sie vor Gefahren zu warnen, doch soll die Vorsicht nicht die Chancen dominieren:
Statt Desillusionierung und Immunisierung - Kreativität und Verantwortung - heißt: Erfahrung sammeln im alltäglichen Umgang. Eine "Hip-Hop-Szene" gibt es inzwischen fast in jeder Gemeinde.

Kinder und Jugendliche zu aktiver und produktiver Mediennutzung anregen
Gelungene Medienerziehung heißt, den Schritt vom passiven Konsum zur aktiven Beteiligung zu schaffen. Die lokale "Hip-Hop-Szene" kommt allerdings selbst in den Lokalmedien kaum vor, weil sie zwar exzentrisch aber nicht gewalttätig oder skandalträchtig und damit schlagzeilenwürdig ist. Sie existiert in Graswurzelinitiativen und spontanen Zusammenschlüssen, in Jugendzentren, Kirchengemeinden und in Medienzentren, in denen Jugendliche Probehandeln können, z.B. mit professioneller Unterstützung rappen:

  • Texte verfassen,
  • Musik machen,
  • tanzen,
  • sprayen,
  • mit wenig Aufwand eine CD aufnehmen.

Jedes einzelne Element kann für die Entwicklung eines jungen Menschen bedeutsamer sein als der Besuch eines Hip-Hop-Konzerts.

Wenn Eltern nicht mehr weiter wissen
Es wäre verkehrt, dem Argument zu folgen, Gangsta-Rap sei für sein Publikum längst zur Lebenskultur geworden und man dürfe nicht durch Indizierung die gewünschte Lebensführung unmöglich machen. Die Randgruppe einer Subkultur - und um nichts anderes handelt es sich hier – würde hiermit die gesellschaftliche Norm bestimmen. Eine Subkultur, in der Gewalt, Frauenfeindlichkeit, Hass auf Homosexuelle, Drogenkonsum und Chancenlosigkeit dominieren, kann keine gewünschte Lebensführung sein. Vielmehr ist zu fragen, wie es zu dieser - aus Sicht der Betroffenen - auswegslosen Marginalisierung kommt und wie man die Jugendlichen unterstützen kann, sich aus dieser Situation in Richtung Integration zu lösen.

  • Jugendämter, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Lehrkräfte können Eltern in ihrer Erziehungsanstrengung unterstützen;
  • in der Prävention Tätige, Jugendhäuser, Medienzentren können mit aktiver Medienarbeit die Medienerziehung neu ausrichten helfen
  • und schließlich kommt therapeutische Hilfe in Betracht.

Wie kommen Eltern aus der Rolle der "bösen" Eltern, wenn sie die Einhaltung von Regeln einfordern? Indem alle am Erziehungsprozess Beteiligten die gleichen Aussagen treffen, indem alle an einem Strang ziehen. Dabei lassen sich die Lehrerinnen und Lehrer einbinden, die Jugendämter, alle Erwachsenen, mit denen die Kinder oder Jugendlichen Kontakt haben. Wenn sie alle die gleichen Grenzen setzen zu Frauenfeindlichkeit, Drogen und Gewalt bedeutet dies nicht nur eine arbeitsmäßige Entlastung für die Eltern, sondern auch eine inhaltliche. Alle setzen die gleiche Norm und der oder die Jugendliche erkennt seine/ihre Abweichung vom Normalen leichter und schneller und der Einsichtsprozess kann beginnen.

[1] Peters, Thomas (2005): Hip-Hop. In: Szenen. URL: http://www.jugendszenen.com, Portal für Szenenforschung (06.5.08)
[2] ebenda
[3] Brunner, Georg (2007) Rezeption und Wirkung von Rechtsrock in: BPjM Aktuell 01/2007 Mönchengladbach. S. 9f.
[4] Vgl. Langness A./Leven I./Hurrelmann K. Jugendliche (2006) Lebenswelten Freizeitverhalten. In: Jugend 2006, 15. Shell Jugendstudie. Frankfurt a.M. S. 77ff.
[5] Vgl. Dollase Rainer (2005): Musikalische Sozialisation, in: Enzyklopädie der Psychologie, Musikpsychologie Bd. 2, Spezielle Musikpsychologie, (Hrsg.) Oerter R./Stoffer T. Göttingen. S. 153–204.