Aggressionsabbau durch Mediengewalt?
"Es ist besser, er baut seine Aggressionen ab, indem er ein gewalthaltiges Video anschaut oder am Computer auf virtuelle Figuren ballert, als dass er gegenüberanderen Menschen gewalttätig wird." Auch heute noch kann man solche oder ähnliche Annahmen, die man im wissenschaftlichen Zusammenhang "Katharsisthese" nennt, in Gesprächen hören. Auch einige wenige Wissenschaftler vertreten die Katharsisthese noch. Es gibt zwar Hinweise, dass Computerspieler gewalthaltige Computerspiele wählen, um Aggressionen abzubauen. Dafür, dass der Konsum gewalthaltiger Filme, Fernsehsendungen oder Computerspiele tatsächlich dabei helfen kann, Aggressionen abzubauen und Gewalttätigkeit zu vermeiden, gibt es keine Belege (vgl. Kunczik/Zipfel, Kurzbericht 2010, S. 4).
Eher negative Wirkung? Wirkungstheorien.
Medien haben Wirkungen. Es ist allerdings nicht so, dass auf einen bestimmten Medieninhalt vorhersehbar eine ganz bestimmte Wirkung folgt. Persönliche Eigenschaften sowie das soziale Umfeld beeinflussen sowohl Wahrnehmung als auch Verarbeitung von Medieninhalten.
Wie aber wirkt der Konsum von gewalthaltigen Medien? Als einzige Wirkungstheorie vermutet die Katharsisthese, die sich in der Forschung nicht durchgesetzt hat, eher einen Abbau gewalttätigen Verhaltens. Alle anderen Wirkungstheorien gehen davon aus, dass der Konsum von Mediengewalt eher gewalttätiges Verhalten (im Zusammenhang mit anderen Ursachen) hervorruft oder verstärkt. Auf welche Weise Mediengewalt aber wirkt, wird in den verschiedenen Theorien, z.B. die Suggestionsthese, Habitualisierungs- bzw. Desensibilisierungsthese, Kultivierungsthese, Excitation-Transfer- und die Lerntheorie, unterschiedlich erklärt (vgl. Kunczik/Zipfel, Kurzbericht 2010, S. 4-7).
Lerntheorie als Erklärungsmodell
Es gibt verschiedene Erklärungsansätze für die nicht immer leicht miteinander in Einklang zu bringenden Ergebnisse der verschiedenen Experimente und Untersuchungen der Medienwirkungsforschung. Nach Michael Kunczik und Astrid Zipfel bietet die sozial-kognitive Lerntheorie den besten Ansatz, um die scheinbar widersprüchlichen Befunde der Medien-und-Gewalt-Forschung zu erklären. Die zentrale Aussage der Lerntheorie ist, "dass Menschen Verhaltensweisen (nicht nur durch eigene Ausführung, sondern auch durch bloße Beobachtung) erlernen können, diese aber nicht unbedingt auch in die Tat umsetzen müssen. Die Ausübung von Aggression wird demnach üblicherweise durch internalisierte Normen, Angst vor Strafe und Ausgrenzung oder Schuldgefühle verhindert. Die Beobachtung oder eigene Erfahrung positiver Konsequenzen bzw. Belohnungen für violentes Verhalten kann die Umsetzung erlernten Gewaltverhaltens hingegen fördern" (Kunczik/Zipfel, Kurzbericht 2010, S.6).
Die Lerntheorie bezieht in ihrem Erklärungsansatz nicht nur die Merkmale der Medieninhalte, sondern auch die Eigenschaften des Medienkonsumenten und die Umstände der Mediennutzung, "situative Bedingungen", mit ein. "Sie eignet sich deshalb gut, um zu erklären, weshalb nicht alle Medieninhalte und Rezipienten gleich gefährlich bzw. gefährdet sind und weshalb violente Darstellungen in den Medien nur einen von vielen Faktoren bei der Entstehung von Gewaltverhalten bilden" (ebenda, S. 7)).
Quellen/Literatur: