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Titelbild der Rubrik: Jugendmedienschutz: Medienerziehung

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Hip-Hop: Porno- oder Gangsta-Rap - Kurzfassung

Der Hip-Hop, Porno- oder Gangsta-Rap hat in Deutschland vor allem bei Kindern zwischen zehn und vierzehn große Resonanz gefunden. Ganze Schulklassen grölen Porno- bzw. Gangsta-Rap-Songs auf Klassenfahrten im Omnibus, auf YouTube finden sich eine Fülle solcher Handyvideos sowie Coverversionen von Schülern.

Der Psychologe Lazlo Pota nennt Gründe, wann Texte jugendgefährdend sind:

  • Verrohung weiter Bereiche des Lebens, sowohl der Sprache als auch der Umgang der Jugendlichen miteinander.
  • Wenn Jugendliche Fäkalsprache benutzen, die Gewalt verherrlicht, dann bereitet das die Verrohung im Verhalten vor. Der Schritt vom Sprechen zum Tun ist sehr klein.

Außerdem rät er den Eltern, dass sie

  • genau darauf achten, welches Vokabular ihre Kinder benutzen.
  • sich auch mit deren Musik beschäftigen. Musik hatte schon immer eine große Wirkung auf Kinder und Jugendliche.
  • nicht feige sind - sie müssen die Auseinandersetzung mit ihren Kindern über Gewalt verherrlichende Texte suchen und führen.[1]

Das 12er-Gremium der Bundesprüfstelle, das gesellschaftlich relevante Gruppen repräsentiert, wägt zwischen den Grundrechten Kunstfreiheit, freier Entfaltung der Persönlichkeit und Pressefreiheit einerseits und dem Schutz der Jugend andererseits ab.

Der Konsum von einfacher Pornografie führt zwar selten zu Gewalttätigkeit, aber die Verbreitung von Pornografie senkt die Hemmschwellen. Untersuchungen haben ergeben, dass junge Männer, die viel Pornografie konsumieren, sich nach der Rezeption von sexuellen oder gewalttätigen Musikvideos stärker auf Unterschiede zwischen Frauen und Männern beziehen, nach der Rezeption von romantischen Videos stärker auf die Gemeinsamkeiten. Allgemein und unabhängig von den Videos werden von den (männlichen) Pornografiekonsumenten Frauen sexualisierter wahrgenommen."[2]

Die durch den "Porno-Rap" propagierte Rollenverteilung ist in Verbindung mit den sie verstärkenden Gruppenmechanismen ein fruchtbarer Nährboden, auf dem sich Jugendliche zu zukünftigen Gewalttätern von morgen entwickeln können. In früher Jugend lernen sie, dass Regeln zu verletzen völlig in Ordnung ist. Die Pädagogin Ursula Enders vom Verein "Zartbitter" in Köln warnt: "Einige Jugendliche, die nachher massive Täter sind, steigen genau über diese Gruppensituation in die Karriere ein. Gelingt es uns, am Anfang dieser Karriere, gerade bei den Acht- bis Zwölfjährigen, andere Normen zu etablieren, so können wir viele davor bewahren, langfristig gewalttätig zu werden."[3]

Porno-Rap wirkt desorientierend
Bushido "Staatsfeind Nr. 1", Sido "Schlechtes Vorbild", Frauenarzt "Porno Party",  Bass Sultan Hengzt "Rap braucht kein Abitur",  King Orgasmus One "Fick mich ... und halt Dein Maul!" - "gerade die derbsten Raps verkaufen sich blendend, (...). Unter dem Deckmantel von Hip-Hop-Kultur lässt sich Pornografie an ein ganz neues Publikum verkaufen." (Peters Th. 2005) Als Migrantenkind aus dem Märkischen Viertel in eine Wunschwelt zu entfliehen und mit Straßenkreuzer, Bikinimädchen, coolen Drinks am Strand entlangzufahren ist die Vorstellung von Party, Karneval, Urlaub. Ein scheinbarer Freiraum mit Drogen und Pornografie wird vorgegaukelt.
"Porno-Rap" wirkt desorientierend in einer Entwicklungsphase, in der Jugendliche auf der Suche nach sexueller Orientierung sind. Die selbstverständliche Verbindung von Sexualität und Gewalt ist besonders jugendgefährdend, die Aufforderung zur Nachahmung steigert die Jugendgefährdung noch. Gleiches gilt, wenn ein Medium frauendiskriminierende Praktiken anpreist, sadistische Vorgehensweisen als luststeigernd propagiert oder es Vergewaltigung als Lusterlebnis darstellt.
Die These, dass "Porno-Rap" nur die Lebenssituation bestimmter Teile der Gesellschaft abbildet, mag zutreffen. Und es trifft auch zu, dass "Porno-Rap" die Pornografisierung von Teilen der Gesellschaft beschleunigen kann. "Porno-Rap", in dem Frauen als "Nutten", "Huren", "Schlampen" bezeichnet werden; in dem Homosexuelle "kein Leben verdient haben", daher Jugendlichen nicht zugänglich zu machen, heißt: Dem Gewöhnungseffekt der Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen frühzeitig gegenzusteuern, Lusterlebnis und Gewalt zu trennen und einer gefühlsbejahenden Sexualerziehung den Weg zu bereiten.

Jugendgefährdung durch verrohende Wirkung
Roberts u.a. kamen 1998 "zu dem Schluss, dass durch Musik hervorgerufene negative Emotionen das Risikoverhalten der Rezipienten erhöhen können."[4] Mögliche negative Wirkungen violenter Musiktexte lassen sich belegen. Das Verhalten deprivierter Jugendlicher ist in hohem Maße defizitär, die Verständigung über gesellschaftliche Veränderungsprozesse reißt ab. Diese Erosion kommunikativer Strukturen wird durch die universelle Ersatzsprache Gewalt kompensiert. "Erosionsbetroffene Jugendliche schließen sich Jugendkulturen an, weil sie in einer kolonialisierten Lebenswelt nach ‚Auffanglebenswelten’ suchen. Diese versorgen ihre Mitglieder mit Deutungen und Interpretationen, sie definieren sich über einen wenn auch noch so rudimentären Kanon an Werten und Normen, an dem die einzelnen ihr Verhalten orientieren können, und stiften Interaktionskontexte, in denen es den Jugendlichen gelingt, ihre Identität zu behaupten."[5]
Die Entstehung gewalttätiger Jugendkulturen ist damit ein besonders sinnfälliges Symptom der Erosion kommunikativer Strukturen. Wenn sich Hip-Hop auch sprachlich inszeniert, ist es wortwörtlich die Sprache der Gewalt. In einer frühen Studie von Greeson und Williams, 1986 billigten Jugendliche "nach der Rezeption von gewalthaltigen und sexistischen Musikvideos die dargestellten Inhalte eher als wenn sie neutrale Videos gezeigt bekamen"[6]. Nach der Studie von Hansen und Hansen, 2000 "kann das häufige Aktivieren dieser Schemata durch Musikvideos sogar stabile Einstellungen und Verhaltensmuster zur Folge haben."[7]
Töten mit Waffen ist auf der 2007 indizierten CD "Mahatma Hitler - Greatest Hitz" allein bei sechs Liedern das Thema. Die Wiederholung entspricht dem Einüben und der Gewöhnung von Gewalt nach der Lerntheorie. Die jugendgefährdende Wirkung durch Verrohung ist hier evident.

Muss ich meinem Kind Hip-Hop-Musik verbieten?
Nein! Die Hip-Hop-, Techno- und Skaterbewegung ist eine der größten Szenen in Deutschland und eine kreative, multikulturelle und integrative Jugendkultur. Schätzungsweise gibt es weit über drei Millionen an Hip-Hop interessierte Jugendliche in Deutschland. Die Zahl der in einer der vier Sparten aktiven Jugendlichen dürfte zwar mit mehreren hunderttausend wesentlich geringer sein, doch die große Zahl der reinen 'Fans' erklärt sich nicht zuletzt durch den Boom den Hip-Hop in Deutschland seit Mitte der 90er Jahre erlebt.[8]
Ein Verbot für ein Kind, in einem Spektrum vieler Musikvorlieben bestimmte Hip-Hop-Musikstücke zu hören, mag relativ leicht durchsetzbar sein. Für die Mehrzahl der Jugendlichen sind aber mit der Vorliebe für Hip-Hop-Musik auch der Freundeskreis, ihr Freizeitverhalten sowie Kleidung und Accessoires verbunden. Daraus wird deutlich, dass wie immer im Erziehungsprozess viele sensible Aspekte gleichzeitig zu beachten sind und man behutsam vorgehen muss. Letztlich sind nur die Eltern in der Lage, die für ihr Kind passenden Entscheidungen zwischen Verständnis und Vertrauen zu treffen, aber auch Grenzen zu setzen.[9]
Dies setzt allerdings ihre Bereitschaft voraus, sich mit den Fassetten des Hip-Hop auseinander zu setzen, nicht nur mit den meistvermarkteten und teilweise jugendgefährdenden Formen, sondern auch mit den weniger bekannten, die Jugendlichen positive Impulse für ihre Entwicklung geben können. Die Frage müsste daher nicht lauten: Hip-Hop, Ja oder Nein, sondern eher: Welche Formen von Hip-Hop für Kinder und Jugendliche geeignet sind.

[Lese- und Hörmedien: Jugendgefährdung]

[1] Lazlo Pota, Vizepräsident des Berufsverbandes deutscher Psychologinnen und Psychologen, in: Stern 6/2007
[2] Neumann-Braun, Klaus/Mikos, Lothar. Musikvideos und ihre Wirkungen auf ZuschauerInnen. S. 11
[3] Porno statt Aufklärung SWR3 report http://www.swr3.de/info/magazin/pornoreport/teil3.html (aufgesucht am 18.5.07)
[4] Kunczik M./Zipfel A. Medien und Gewalt. Wirkungen von Gewalt in der Musik, S. 247
[5] Schäfer-Vogel G. Gewalttätige Jugendkulturen – Symptom der Eon kommunikativer Strukturen. Freiburg 2007. S. 547
[6] Schramm H. Musikrezeption und Radionutzung, in: Mangold R./Vorderer P./Bente G. Lehrbuch der Medienpsychologie Göttingen 2004 S. 456
[7] Vgl. Hansen, Christine H./Hansen, Ranald D. Music and Music Videos. London 2000
[8] Peters, Thomas: Hip-Hop, 2005. In: http://www.jugendszenen.com, Portal für Szenenforschung (Zugriff am 25.7.07)
[9] Vgl. Dollase R. Musikalische Sozialisation, in: Enzyklopädie der Psychologie, Musikpsychologie Bd. 2, Spezielle Musikpsychologie Hg. Oerter R./Stoffer T. Göttingen 2005. S. 153 - 204